Worte für das, was uns täglich die Sprache verschlägt
WAZ, 27. Mai 2004
Fast 50 Liebhaber geistreicher knapper Gedanken trafen sich bei VHS-Veranstaltung über Aphorismen
Fast fünfzig Interessierte ließen sich im Café Satz von Jürgen Wilbert die Literaturgattung des Aphorismus näher bringen. Dabei hatte der VHS-Leiter, der auch eigene geistreiche, knapp formulierte Gedanken präsentierte, selbst mit einer so großen Resonanz nicht gerechnet.
„Das zeigt, dass die Gattung, die ja von vielen als besonders schwer zugänglich angesehen wird, vermittelt werden und sogar Spaß machen kann“, freut sich Wilbert, „und das war ja schließlich mein Ziel.“ Die Veranstaltung wollte er als Einstimmung auf das erste bundesweite Aphoristikertreffen von 4. bis 7. November in Hattingen verstanden wissen.
Geboten wurde ein Überblick über die Geschichte der Kunstgattung, eine kurze Analyse der gängigen Stilmittel sowie eine von Wilbert zusammengestellte Auswahl an alten und neuen Meisterwerken. In den Pausen stellte der Düsseldorfer Gitarrist Thomas Battenstein einige selbstgeschriebene Lieder vor. Der Zuhörer wurde nicht dauerberieselt. „Die Aphoristiker ziehen sie in Gedankengänge herein, herausfinden müssen sie aber selbst“, erläuterte Wilbert das Konzept, das das Publikum zu eigenem Denken anregen sollte. So wurden der wissenschaftlichen Definition von Friedemann Spicker, der den Aphorismus als „kontextuell isolierte, konzise, bis auf Satz und Einzelwort verknappte literarische Prosaform, im Grundsatz nichtfiktional …“ charakterisiert, eingängigere Beschreibungen zur Seite gestellt. Demnach ist die Kunstform je nach Lesart „der letzte Ring einer Gedankenkette“, „ein Stolperstein für landläufige Meinungen“, „die als Handkuss verkleidete Ohrfeige“ oder „der Versuch, Worte zu finden für das, was uns täglich die Sprache verschlägt“.
Die Literaturgattung, die ihren Ursprung im alten Griechenland habe, heutzutage aber meist etwas vernachlässigt werde, soll laut Wilbert in Hattingen ein neues Heim finden. So soll im August eine Ausstellung mit Bildern des Lyrikers Robert Gernhardt, der Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg illustriert hat, stattfinden, bevor im November das Highlight auf dem Programm steht, für das es 20 feste Zusagen gibt.